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Inter­view mit Mat­thias Kirbs auf hrm.de

Inter­view mit Mat­thias Kirbs auf hrm.de

HRM, eines der füh­ren­den Netz­werke für Per­so­nal­ma­na­ger in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz, sprach mit Mat­thias Kirbs.
http://www.hrm.de/fachartikel/schulung:-die-stimme-schulen-ohne-zum-schauspieler-zu-werden-10611

Herr Kirbs, wie spie­gelt unsere Stimme unsere Emp­fin­dun­gen wider?

In jedem Fall unmit­tel­bar. Stimme drückt aus, ob etwas für mich oder jemand ande­ren stimmt, bezie­hungs­weise ob das, wor­über ich spre­che, stim­mig ist. Höre ich jeman­dem zu, erfasse ich oft in Sekun­den und an Zwi­schen­tö­nen, wie mein Gesprächs­part­ner gestimmt ist, und wie es ihm wirk­lich geht, selbst wenn er sich anders gibt. Je nach­dem, wie sich der Ein­druck eines Men­schen von einer Sache oder seine Gestimmt­heit – ange­nehm, unan­ge­nehm oder neu­tral – ändert, wird das an der Stimme hör­bar.

Im Beruf ist das für viele Men­schen sicher unan­ge­nehm. Nicht jeder kann oder möchte ein offe­nes Buch für andere sein. Gerade bei Auf­ga­ben, die einen hohen Level an Höf­lich­keit, Begeis­te­rung oder Gleich­mut erfor­dern.

Das ist der Haupt­grund, warum Men­schen zu mir kom­men. Einige befürch­ten, ihre Befind­lich­kei­ten zu offen zu zei­gen. Ande­ren fällt es wie­derum schwer, sich zu öff­nen, da sie über län­gere Zeit hin­weg ihre Emp­fin­dun­gen ver­drängt haben. Da sie sich alle im pro­fes­sio­nel­len Bereich – näm­lich ihrem Job – bewe­gen, emp­fehle ich ihnen, bewusst eine Rolle anzu­neh­men, die ihnen hilft, ihre Stimme an ihrer Auf­gabe aus­zu­rich­ten. Ich habe selbst zum Bei­spiel jah­re­lang Nach­rich­ten gele­sen. Es gab Tage, an denen ich mich unwohl fühlte oder ich musste unan­ge­nehme The­men ver­mit­teln, die mich selbst beweg­ten. Da half es mir, mit einer inner­li­chen Distanz zu spre­chen. Ich nen­nen Ihnen ein ande­res Bei­spiel: Im Tele­fon­mar­ke­ting ist ste­tige Höf­lich­keit das A und O. Die errei­che ich durch eine neu­trale bis ange­nehm freund­li­che Ein­stel­lung. Wenn ich diese Hal­tung ein­nehme, spie­gelt meine Stimme das auch wider.

Warum ach­ten viele Men­schen zu wenig ihre Stimme?

Weil sie sich beim Spre­chen sehr mit ihren Inhal­ten iden­ti­fi­zie­ren. Aller­dings macht der Inhalt nur einen Bruch­teil einer Bot­schaft aus. Viel wich­ti­ger ist, wie etwas gesagt wird. Ein bewuss­ter Umgang mit Stimme bedeu­tet, lang­sam zu spre­chen, um sich selbst bes­ser hören zu kön­nen. Die Gründe für einen unacht­sa­men Umgang mit der Stimme sind viel­fäl­tig. Viele, schnell spre­chende Men­schen zum Bei­spiel geben sich keine Chance zu mer­ken, was sie eigent­lich ver­mit­teln und was sie beim Spre­chen bewegt. Schnell­spre­chern man­gelt es oft an Pau­sen­kul­tur. Sie erken­nen den Wert von Pau­sen nicht. Es ist wie in der Musik. Erst die Pause gibt einer Melo­die Momente der Besin­nung. Und im Beruf ver­mit­telt eine Pause oft Kom­pe­tenz. Aller­dings muss sie bewusst gesetzt wer­den; auch von denen, die sich nüch­tern aus­drü­cken, weil sie sach­lich auf­tre­ten: Wenige Beto­nun­gen, wenig Stimm­va­ri­anz.

Das ist ja auch eine Frage des Cha­rak­ters.

Natür­lich. Wie gesagt, die Gründe sind viel­fäl­tig. Man­che Men­schen leben diese Sach­lich­keit, andere bauen sie sich als Schutz­schild auf. Ich rate an die­ser Stelle zu Tole­ranz. Viele Men­schen mei­nen, ihr Sprechtempo sei ein ver­bind­li­ches Maß für andere. Tat­säch­lich basie­ren unter­schied­li­che Sprechtempi auf ver­schie­de­nen emo­tio­na­len und kogni­ti­ven Ver­ar­bei­tungs­me­cha­nis­men sowie ver­schie­de­nen Moti­va­tio­nen. Wer sehr schnell spricht, lässt sich gefühls­mä­ßig wenig auf Men­schen und Inhalte ein. Kogni­tiv kann er zwar schnell agie­ren, aber er rea­li­siert nicht, wo er mit sei­nen Gefüh­len steht. Im Dia­log kann das schwie­rig wer­den, wenn der eine rasch spricht und der andere ver­sucht, sich ein­zu­füh­len und dafür Zeit benö­tigt. Anders­rum fällt es sehr sach­lich spre­chen­den Men­schen oft schwer, Zuhö­rer in Mee­tings und Vor­trä­gen wirk­lich zu errei­chen; wobei natür­lich Thema, Anlass und Ziel­grup­pen bestim­men, wie leben­dig oder sach­lich eine Rede oder ein Bei­trag sein sollte. In jedem Fall lohnt es sich aber, ein­mal die Wir­kung von schnel­lem und lang­sa­mem Reden selbst zu erle­ben. Wer diese grund­le­gende Erfah­rung macht, hat schon viel für sich gewon­nen.

Was tun Sie, wenn sich Men­schen gar nicht auf ihre Gefühle ein­las­sen möch­ten beim Spre­chen?

Diese Situa­tion ist mir unbe­kannt. Ich for­dere meine Kli­en­ten immer erst auf, etwas zu tun und es auf sich wir­ken zu las­sen. Damit lasse ich den Ver­stand an die­ser Stelle außen vor. Das Erle­ben führt dann dazu, dass auch Skep­ti­ker sich öff­nen, weil sie hören, wie sich ihre Stimme wan­delt und ganz begeis­tert sind. Ich habe für mich gelernt: Sagen Sie einem betont ratio­na­lis­ti­schen Men­schen nicht: Wir machen jetzt Tai-Chi. Lei­ten Sie ein­zelne Übun­gen an und füh­ren Sie Men­schen ins Erle­ben. Dann kann gern über Metho­den räso­niert wer­den. Übri­gens wäre es wenig sinn­voll ratio­nal zu dis­ku­tie­ren, denn ein Sprechtempo ist Gewohn­heits­sa­che; und wer möchte die schon gern ohne guten Grund ändern?

Wel­che innere Hal­tung macht es mir leich­ter, sicher zu spre­chen?

Klar­heit in mei­ner Rolle und bei mei­nen Bot­schaf­ten. Viele Men­schen spre­chen eher unbe­dacht aus sich her­aus oder sie kom­men aus ganz ver­schie­de­nen Grün­den – zum Bei­spiel Furcht, Des­in­ter­esse oder Miss­trauen – nicht zum Punkt. Siche­res Spre­chen setzt aber einen Mit­tei­lungs­wil­len vor­aus. Die zweite Bedin­gung betrifft das Wis­sen um die Adres­sa­ten und Anlässe: Wer sind meine Zuhö­rer in wel­cher Situa­tion? Im Dia­log werde ich lang­sa­mer spre­chen, damit der Andere hin­hö­ren kann. Geht es um schnelle Ver­mitt­lung von Infor­ma­tio­nen ist lang­sa­mes Spre­chen aber kon­tra­pro­duk­tiv. Außer­dem hat jeder Mensch eine per­sön­li­che Erre­gungs­fre­quenz, ab wann er etwas gut fin­det. Er braucht einen gewis­sen Reiz, um etwas inter­es­sant zu fin­den. Auch das muss ich beim bewuss­ten Spre­chen beden­ken und in der Dia­log­si­tua­tion aus­zu­lo­ten ver­su­chen. Sichere Rede ist immer dia­log­ori­en­tierte Rede und geht nicht über die Köpfe der Zuhö­rer hin­weg. Hilf­reich ist es auch, sich klar­zu­ma­chen, dass Aus­druck immer eine stimm­li­che und sprach­li­che Kom­po­nente hat. Im Zusam­men­spiel der bei­den las­sen sich kleine Schwä­chen oder weni­ger erwünschte Eigen­hei­ten aus­ta­rie­ren: Spre­che ich trotz piep­si­ger und dün­ner Stimme klar, wirke ich den­noch kraft­voll. Äußere ich mich mit wir­kungs­vol­ler Stimme unzu­sam­men­hän­gend, wirke ich immer noch über­zeu­gend.

Inwie­fern för­dern denn auch men­tale Bil­der den stimm­li­chen Aus­druck?

Sie sind ganz wich­tig, durch sie bekomme ich als Reden­der Kraft. Wenn ich ‚Freund‘ sage und das Wort inner­lich ver­binde mit dem Satz: ‚Ich habe einen Freund, der ist groß wie ein Baum, mit Schul­tern so breit wie ein Klei­der­schrank‘, dann nimmt der Hörende die Bot­schaft bes­ser auf. Aller­dings hel­fen men­tale Bil­der nicht allen Men­schen. Ich mache auch Stimm­trai­nings für Intro­ver­tierte. Sie ent­schei­den sich, ihre Gefühle anders aus­zu­drü­cken. Sie beto­nen viel dezen­ter, so dass wir das im All­tag kaum hören.

Wir soll­ten also auch ler­nen, anders zuzu­hö­ren.

Spre­chen und Hören bedingt sich gegen­sei­tig. Wobei ich immer vom Hin­hö­ren spre­che. Zuhö­ren bedeu­tet für mich per­sön­lich, dass ich in mei­nen Gedan­ken schon meine Erwi­de­rung for­mu­liere oder das Gesagte inter­pre­tiere. Beim Hin­hö­ren bin ich ganz beim Ande­ren. Ich höre bes­ser, wie sau­ber der andere argu­men­tiert, wo er in wel­cher Weise betont und kann Pau­sen, die er macht, ganz anders inter­pre­tie­ren. Das trai­niere ich mit mei­nen Kli­en­ten. Des­we­gen gebe ich wenig Bil­der vor, denn der Sin­nes­ka­nal ‚Ohr‘ soll geschult wer­den.

Wie gelingt es mir, sou­ve­rän, aber doch natür­lich zu spre­chen?

Das werde ich oft gefragt. Viele Kli­en­ten fürch­ten, geküns­telt zu wir­ken. Sie möch­ten ande­ren Men­schen keine Rolle vor­spie­len und etwas dar­stel­len, was sie nicht sind. Denn anfangs gehört ein wenig Trai­ning dazu. Für einige Kli­en­ten füh­len sich neue Sprech­wei­sen erst ein­mal unge­wohnt an, weil es so neu für sie ist. Zum Bei­spiel spre­chen sie viel lau­ter oder öff­nen ihren Kie­fer mehr. Ich mache ihnen dann den Unter­schied vor, was viele über­zeugt. Sie kön­nen das Neue dann bes­ser anneh­men. Die Ein­wände der Leute müs­sen an die­ser Stelle sehr ernst genom­men wer­den, weil sie tief ver­an­kerte Glau­bens­sätze in der jewei­li­gen Per­sön­lich­keit tan­gie­ren. Las­sen sich diese wan­deln, ist eine sub­stan­ti­elle Arbeit an der Stimme mög­lich.

Wie oft pas­siert es, dass Kli­en­ten ihre eigene Stimme nach einer Arbeit daran nicht anneh­men kön­nen?

Das pas­siert in mei­ner Pra­xis hin und wie­der Men­schen, die zum Rund­funk oder Fern­se­hen wol­len; und bei denen klar ist, dass sie sich nicht so ganz dafür eig­nen. Alle ande­ren neh­men ihre Stimme an. Men­schen, die eine sehr hohe oder eher kräch­zende Stimme haben, zeige ich, wie sie warme Töne anschla­gen kön­nen. Die­sen neuen Stimm­klang ver­su­chen sie dann anhand von Spiel­re­geln, die ich ihnen gebe, im All­tag zu leben. Bei einer hohen Stimme emp­fehle ich, den Kör­per – der ohne­hin Klang­raum für Stimme ist – mehr ein­zu­set­zen. Durch kör­per­li­che Prä­senz und Span­nung des Zwerch­fel­les wird die Stimme tie­fer. Gene­rell gilt: Har­mo­nie­ren Sprech­weise, Atmung, Into­na­tion und Kör­per­spra­che, wer­den Sie stets ein für sich opti­ma­les Ergeb­nis erzie­len.

Was kann der Klang einer geschul­ten Stimme bewir­ken?

Ver­trauen. Wenn ich mich wohl fühle, wenn ich gut gestimmt bin, ziehe ich Men­schen an. Denn jeder mag mit in sich gestimm­ten Men­schen zusam­men sein. Wenn ich mit mir in Kon­takt bin, also mit mei­nen Gedan­ken und mit mei­ner Gefühls­welt, hören andere mir gern zu. Wenn ich die Frage auf die Busi­ness­welt beziehe, fal­len mir ins­be­son­dere Frauen in Füh­rungs­rie­gen ein. Sie wol­len ja nicht nur als nett gel­ten, son­dern ernst genom­men wer­den. Kom­pe­tenz strah­len sie durch ein geschul­tes Gespür für Pau­sen und warme Töne in der Stimme aus. Das betrifft nicht nur Bei­träge in Mee­tings und Unter­hal­tun­gen. Der Klas­si­ker ist ein gesäu­sel­tes ‚Tschüss‘. Gegen­über Män­nern wirkt das weni­ger sou­ve­rän. Klare, bewusst gespro­chene Sätze ver­mit­teln grund­sätz­lich eine klare Linie.

Vie­len Dank für das inter­es­sante Gespräch.

Inter­view: Ste­fa­nie Heine